14. September 2010

Schulrezension - Schlaf in den Uhren (Romanauszug) - Uwe Tellkamp

"Der Schlaf in den Uhren": Genauso kompliziert wie ein Uhrwerk und zum Einschlafen langweilig

1968 in Dresden geboren, arbeitete Uwe Tellkamp zunächst als Arzt, bevor er durch seine Auszeichnung mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt für seinen Romanauszug "Der Schlaf in den Uhren" im Jahre 2004 allgemeines Aufsehen erregte. Nachdem sein erster Roman "Der Hecht, die Träume und das portugiesische Café" 2000 noch kaum Beachtung fand, wurde sein zweiter Roman "Eisvogel" 2005 von Literaturkritikern ebenso stark diskutiert, wie der zuvor prämierte Auszug "Der Schlaf in Uhren". Es herrschte ein uneinheitliches Meinungsbild, da beide Werke sowohl heftig kritisiert als auch hoch gelobt wurden. Bis auf diese drei Werke und einige Beiträge für Literaturzeitschriften hat Tellkamp bis heute noch nicht sehr viel veröffentlicht. Dennoch dürfte, abgesehen vom Erhalt des Ingeborg-Bachmann-Preises für "Schlaf in den Uhren", auch die Ernennung zur verpflichtenden Schullektüre im Zentralabitur 2008/2009 in Niedersachsen eine große Ehre für Tellkamp bedeuten, zeigt dies doch seinen literarischen Wert.

Zu diesem Romanauszug können eine Reihe von Vergleichen mit anderen Werken gezogen werden. Deutlich ist hierbei die Ähnlichkeit mit Claude Simons "Die Trambahn", in dem Simon eine Eisenbahn der Erinnerung nach Perpigan an den Strand fahren lässt. Analog dazu fährt in "Der Schlaf in den Uhren" eine Straßenbahn durch Dresden. Des Weiteren lassen sich Parallelen zu der Oper "Der Rosenkavalier" von Strauss (Musik) und Hofmannsthal (Text) ziehen. Im "Rosenkavalier" wird der Marschallin nach ihrer ersten Liebesnacht eine Tasse Schokolade gereicht, in diesem Zusammenhang denkt sie über das Ende und die Zeit ihrer Liebesbeziehung mit ihrem jüngeren Liebhaber nach. Das Nachdenken über Vergangenes, sowie das Motiv der Schokolade, in Form einer, von einem Angriff betroffenen, Schokoladenfabrik, taucht im Werk von Tellkamp auf. Nicht nur vom Titel her ähnlich wird Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" oft mit "Der Schlaf in den Uhren" verglichen, ebenso wie Werke aus der ostdeutschen Literatur, wie die von Wolfgang Hilbig oder Reinhard Jirgel. Die Literatur der DDR zeichnete sich durch eine große Adjektiv -und Metaphernvielfalt, sowie eine sehr bildliche und ausgeschmückte Sprache aus, die wir auch in Tellkamps Werk wieder finden.

Tellkamp versucht den Leser auf eine Reise durch die Zeit mitzunehmen: von der Gegenwart, in die 70er Jahre, weiter zurück ins Nachkriegsdeutschland von 1945/1946 bis in die Zeit des 1.Weltkriegs, die der Autor selber nicht miterlebt hat. Man bekommt Einblicke in die Erinnerungen und Erlebnisse verschiedener Personen, z.B. Fabian, der von der Straßenbahnfahrt durch Dresden berichtet, oder Lucie, die den Anschlags auf eine Schokoladenfabrik beschreibt. Auch wenn es keine Einheit der Zeit gibt, so wird doch die Einheit des Ortes beibehalten, alle Erinnerungsfragmente spielen sich in Dresden ab. Im Ausgangspunkt der Geschichte, der Gegenwart, befinden sich alle Erzähler in einem Krankenhaus.

Der Lauf der Zeit, die Reise in die Erinnerungen, wird versinnbildlicht durch die Fahrt der Straßenbahn und ihre Stopps an den Haltestellen, ein unablässiges Vorwärtsschreiten. Nach einiger Zeit des Lesens wird erst deutlich, dass es sich um verschiedene Erzähler und ihre Erinnerungen handelt, da die verschiedenen Erzählstränge nicht verbunden und ineinander verwebt sind. Tellkampfs Sprache zeichnet sich durch eine üppige und reiche Wortvielfalt aus, die sehr metaphorisch ist und ein Gefühl, der Überfüllung und Enge auslöst, aber auch sehr emotional wirkt. Seine Wortwahl ist sehr außergewöhnlich, sodass ein normaler Leser kaum die Bedeutung vieler Wörter kennen kann, diese Art von Fachbegriffen macht ein schnelles und leichtes Verständnis schwierig. Dies wird dadurch gestützt, dass Tellkamp einen sehr hypotaktischen Sprachstil benutzt, dessen lange und verwobene Sätze, zwar den Inhalt unterstützen, ihn aber nicht verständlicher machen. Ferner führt die ausladende Sprache dazu, dass die Beschreibungen den größten Teil des Romanausschnitts ausmachen und die Handlung in den Hintergrund rückt.
Da hat man einen preisgekrönten Romanauszug, wie es "Der Schlaf in den Uhren" ist, vorliegen und das Einzige, was einmal dazu einfällt ist, dass dies der eindeutig schlechteste Text ist, denn man jemals zu Gesicht bekommen hat. Kaum eine Kurzgeschichte schafft es, schon nach ein paar Seiten, den Leser zuverlässig ins Reich der (Alp-)Träume hinab gleiten zu lassen, wie es Tellkamp mit seinem Auszug gelungen ist. Aber vielleicht ist genau das das Ziel des Autors, zeigt ja schon der Titel die Bedeutung des Schlafes in diesem Werk.

Er mag ein Virtuose in der Sprachbeherrschung und dem Umgang mit Wörtern sein, seine Sprachgewandtheit ist erstaunlich, doch dies führt leider nicht zu einem entspannten, sondern eher nervenden Leseerlebnis. Der Leser wird geradezu bombardiert mit hochkomplexen Satzkonstruktionen und einer Vielzahl außergewöhnlich unbekannter Ausdrücke, die die Bahn mehr zum kompletten Stillstand als zu einer gemütlichen Fahrt durch die Erinnerungen bringen. Es wundert daher kaum, dass Tellkamp noch keinen vollständigen Roman zu diesem Auszug abgeliefert hat, denn ein solches Unterfangen erscheint unmöglich. Eine derartige Sprachdichte, die kaum einen Moment des Luftholens zulässt, ist als längerer Roman nicht zu erfassen und auch für einen Autor unmöglich zu realisieren.
Es ist stark zu bezweifeln, ob auch es auch nur einer Person beim ersten Mal gelungen ist, diesen Romanauszug zu verstehen, denn der Aufbau und Inhalt des gesamten Textes ist so verwoben und kompliziert, dass der gewillte Leser bereits nach ein paar Seiten komplett den Überblick verloren hat.

Fraglich ist, ob dieses Werk wirklich eine Auszeichnung wie den Ingeborg-Bachmann-Preis verdient hat, denn ein guter Text zeichnet sich nicht nur dadurch aus, dass er besonders umständlich geschrieben ist und gut klingt. Ein Roman soll seine Leser erreichen und dazu ist es notwendig, dass diese ihn auch verstehen. Das dies bei "Schlaf in den Uhren" gegeben ist unwahrscheinlich, da nicht davon auszugehen ist, dass jeder ein studierter Literatur- und Sprachwissenschaftler ist.
Zudem ist es sehr schade, dass Tellkamp es scheinbar nicht geschafft hat eigene Ideen zu entwickeln, sondern verschiedene andere Werke als Vorlage genommen hat. Wirklich kreativ scheint Tellkamp nicht gewesen zu sein, aber es hat auf die Jury in Klagenfurt scheinbar einen bleibenden Eindruck gemacht, was durchaus daran liegen kann, dass sie das Hintergrundwissen haben, um derartige Vergleiche anzustellen. Sie schienen wohl beeindruckt, dass auch Tellkamp diese Werke kannte und sie sich zu Eigen gemacht hat, denn anderen Autoren würde man sofort Ideenklau vorwerfen. Nachteilig hat sich bestimmt auch nicht ausgewirkt, dass Tellkamp einen medienwirksamen Vortag seines Textes abgelegt hat, der nachhaltig im Gedächtnis blieb.


Erschienen bei Piper (ISBN-13: 978-3492247900) in "Die Besten 2004. Klagenfurter Texte"

Anmerkung: Diese Rezension habe ich Anfang 2008 für den Schulunterricht geschrieben, das waren noch Zeiten. Tja, seit ich Biomathematik studiere hat sich mein Deutsch zusehends verschlechtert. *seufz*

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Ich freue mich über jeden Kommentar, hinterlasst mir doch einfach eine kurze Nachricht, ich beiße nicht... zumindest meistens. :)

Liebe Grüße,
Lucina

Hinweis: Die Kommentarmoderation ist aktiviert.